Am 27. Mai 1906 wurde die Herrenhäuser Kirche zusammen mit der ersten Orgel geweiht. Die Orgelbaufirma Furtwängler und Hammer (Hannover) hatte in die Turmhalle hinein hinter der heutigen Orgel eine Orgel mit pneumatischen Kegelladen gebaut. Sie hatte auf 2 Manuale und Pedal verteilt 35 Register. Ihr romantisches Klangbild und ihre orgelbautechnische Ausführung entsprach den Anforderungen an ein Instrument, wie man sie zu Beginn unseres Jahrhunderts hatte.
Diese Orgel war eine Stiftung des Herzogs von Cumberland im Wert von 15.000 Mk. Den Orgel-Prospekt zierte sein Familienwappen und die Inschrift des Psalm 103 Vers 2, den der Herzog selbst aussuchte. Zum Dank für diese Stiftung widmete die Gemeinde ihm und seinem Hause als "Herzogstuhl" die nordöstliche Prieche. Dieser Patriarchensitz ist heute nicht mehr erhalten, an seiner Stelle steht nun das Taufbecken.
Diese Orgel war nach Quellenlage der Archive ein anerkannt gutes Instrument - bis zum 24. Oktober 1944. Schwerste Fliegerangriffe hatten an diesem Tage den Stadtteil Herrenhausen getroffen. Dabei wurden das Kirchendach der Herrenhäuser Kirche beschädigt und die großen Fenster restlos zerstört. Da hundertprozentige Abhilfe bei diesen Schäden in den Kriegswirren nicht geleistet werden konnte, die Fenster vor allem nicht gleich ersetzt werden konnten, war die Orgel zunächst schädlichen Witterungseinflüssen ausgesetzt. Von diesem Schock sollte die Orgel sich nicht wieder richtig erholen.
Zunächst versuchte Orgelbaufirma Hillebrand 1947 zu retten, was zu retten war. Die Orgel wurde repariert und neu intoniert. Dabei wurde sie vor allem im Sinne der so genannten Orgelbewegung barockisiert, indem u. a. Register umgebaut wurden. In Hannover sollte die Orgel noch einmal von sich reden machen, als Kantor Adolf Sörensen im Bachjahr 1950 einen Zyklus mit dem Orgelwerk Bachs in der Herrenhäuser Kirche organisierte. Doch wenig später klagt Sörensen, dass er sich "mehr in der Orgel zum Reparieren als am Spieltisch zum Spielen" aufhalte. Die Traktur war völlig unsicher geworden, vor allem hatte die Pneumatik sich verschlissen. Der Kirchenvorstand beschloss 1963 einen Orgelneubau an Firma Hillebrand zu vergeben. Der damalige Kantor Mattbias Kern dazu in einem Aufsatz 1967: "Hätte unsere alte Herrenhäuser Kirchenorgel eine solche unverwüstliche Traktur mechanischer Übertragung (wie die der jetzigen Orgel, der Verfasser) gehabt, dann wären sicherlich nicht die vielen Mängel aufgetreten, und wir hätten sie nicht im "jugendlichen" Alter von 60 Jahren abreißen müssen..."
Der Orgelneubau
1967
Die neue Orgel bekam einen anderen Standort. Aus akustischen Gründen kam sie
einige Meter vor dem alten Platz auf der Westempore zu stehen. Diese Empore
wurde so umgestaltet, dass sie Erfordernissen der gottesdienstlichen
Kirchenmusik Rechnung trägt. Aus diesem Grund entschied man sich nicht zum Bau
eines Rückpositivs, das die Platzverhältnisse auf der Empore einengen würde. Die
Orgelbaufirma Hillebrand baute nach klassischen Gesichtspunkten, die von
verschiedenen Typen des barocken Orgelbaus abgeleitet sind, eine mechanische
Schleifladenorgel mit Hauptwerk, Oberwerk., Brustwerk und Pedal. Die Orgel
erhielt eine elektrische Registrieranlage, ihre Disposition blieb nach der
Restaurierung von 1993 weitgehend erhalten. Die Kirche war 1962 innen umgestaltet worden. Die Akustik war in
diesem Zuge durch Schallschluckmaßnahmen "trockengelegt" worden. In diesen Raum
hinein wurde die Orgel intoniert.
Das Klangbild war und ist auch heute von barocken Vorbildern geprägt - im
Gegensatz zur alten Orgel von Furtwängler und Hammer. Im Unterschied zur
letzteren hat sie jene "Raumlinienstärke", die im polyphonen Spiel jede einzelne
Stimme deutlich hörbar macht.
Im Archiv finden sich eine Reihe von interessanten bis grotesken Entwürfen des
Prospektes (= vordere Orgelansicht). Der Kirchenvorstand wählte eindeutig den
besten aus, der mit seinen klaren, senkrechten Linien einen Kontrapunkt zu den
Rundungen der gotischen Schwünge des Gebäudes und zu der Vielfalt der Malerei
setzt.
Die besten 5 Register der alten Orgel wurden in den Neubau übernommen. Wegen
knapper, finanzieller Mittel baute man die Prospektpfeifen des Prinzipals 16'
und 8' in Kupfer anstatt, wie ursprünglich geplant, in Zinn aus. Das sollte sich
noch als Glücksgriff erweisen. Da die Klangdifferenz unerheblich ist,
prägen die roten Pfeifen das individuelle Design der Herrenhäuser Orgel. Doch
aus Sparsamkeitsgründen wurden auch grundsätzliche Fehler gemacht, die bald
schwer wiegen sollten. Für die Zungenpfeifen wurde gewalztes anstelle von
gegossenem Material verwendet. Sie fielen bald um bzw. sackten in sich zusammen.
Die Windladen wurden nicht ausreichend gegen Schwankungen bei Temperatur und
Luftfeuchtigkeit geschützt. Es bildeten sich folglich Risse in den Laden. Es
wurden kurzlebige Kunststoffe verwendet. Die Intonation nahm man mit einem zu
schwachen Orgelgebläse vor, das offensichtlich noch aus der alten, kleineren
Orgel stammte.
Dennoch sollte die Orgel bei den "Herrenhäuser Kirchenmusiktagen" mit Matthias
Kern eine bedeutende Rolle spielen. Doch Störungen beim Musizieren blieben nicht
aus. Die gut gemeinte Sparsamkeit hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Schon 20
Jahre später musste man an eine Restaurierung denken, die die Fehler beseitigen
sollte. Da man in den 80er Jahren damit begonnen hatte, die ursprüngliche
Innenraumarchitektur wieder herzustellen, womit auch die oben erwähnten
Schallschluckmaßnahmen wegfielen, musste spätestens jetzt eine Neuintonation der
Orgel geplant werden.
Der Kirchenvorstand beschloss bereits 1989 grundsätzlich, die Orgel zu
restaurieren.
Ziel der Restaurierung war, die Orgel im Sinne des Neubaus von 1967 zu
optimieren. Die gemachten Fehler sollten beseitigt werden, eine Neuintonation
für das neu geschaffene Kircheninnere sollte erfolgen. Ferner sollte eine
computerunterstützte Registrieranlage ("Setzerkombinationen") eingebaut werden.
Die Erbauerfirma der Orgel sollte die Arbeiten angehen.
Durchführung
Ende Dezember 1992 wurde begonnen, das Orgelinnere zu demontieren. Die meisten
Labialpfeifen wurden zunächst auf der Südempore zwischengelagert, die restlichen
Pfeifen und die 8 Windladen kamen in die Orgelwerkstätten nach Altwarmbüchen.
Die Risse der Windladen wurden verschlossen und es wurden Dehnungsfugen
eingesetzt. Die Zungenregister wurden z.T. mit größerer Mensur neu gebaut. Die
Abmessungen der Posaune 16' richten sich heute nach der Mensur der
Silbermann-Orgel der Dresdner Hofkirche. Alle nicht erneuerten Zungenregister
erhielten neue Zungen aus Messing.
Die Windladen erhielten eine neue Ventilausstattung. Nachdem die Windladen Ende
Februar wieder in die Orgel eingebaut waren, wurde die Spieltraktur restauriert
und die komplett neue Registrierelektrik nebst Registertafel und Steuerlogik
eingebaut. Die alten Schleifenzugmotoren waren durch moderne Schleifenzugmagnete ausgetauscht worden.
Im Orgelgehäuse wurde für den Stimmer ein bequemer Zugang zum Hauptwerk
geschaffen, Bordun 16' und Gemshorn 8' wurden dort optimaler untergebracht.
Nach und nach wurden zunächst Labialpfeifen in die Orgel eingestellt. Es begann
der spannende Prozess der Intonation. Der Klang der einzelnen Pfeifen wurde in
der Orgel selbst, um Spieltisch und im Kirchenraum abgehört und optimiert. So
wurden Tag für Tag immer wieder schöne Töne zurückgewonnen. Später kamen die
Zungenregister hinzu. Sie waren schon in der Pfeifenwerkstatt vorintoniert
worden. Auch sie wurden noch einmal für den Raumklang nachintoniert. Damit war
nach einem halben Jahr die Restaurierung der Orgel abgeschlossen.
Am 5. Juni 1993, wurde dieses Instrument in einem Orgelkonzert eingeweiht.