Mehr als 256 Möglichkeiten!
Moderne Setzerkombinationen in der Orgel


Die Orgel ist ganz selbstverständlich ein Musikinstrument. Sie ist aber auch, und das mag für manchen eine ungewohnte Betrachtungsweise sein, eine große Maschine mit komplizierter Mechanik, Elektrik und Elektronik, die "leicht bedienbar" sein sollte. Dabei helfen die Setzerkombinationen.
Nicht nur Orgelfreunde wissen, dass die Orgel ein sehr abwechslungsreiches und "klangfarbiges" Instrument ist. Die Klangfarben wählen und verändern kann man, indem man die einzelnen sehr unterschiedlichen Register miteinander "kombiniert", was grundsätzlich bei allen Orgeln möglich ist, wenn sie mit mehr als einem Register ausgestattet sind.


Je mehr Register eine Orgel hat, umso mehr ist das Musizieren auf diesem Instrument mit Tätigkeiten verbunden, die mit dem Spielen eines Stückes viel mehr zu tun haben, als das Umblättern der Noten. Mit anderen Worten, der Organist, der alle klanglichen Möglichkeiten nutzen möchte, ist bei seinem Spiel von der Interpretation eines musikalischen Werkes mehr oder weniger abgelenkt durch Betätigungshandgriffe an den Registerschaltern oder -zügen. "Orgelspielen ist ganz einfach", hat Johann Sebastian Bach gesagt, "man muss nur im richtigen Augenblick die richtige Taste drücken." Was Bach über die Tasten gesagt hat, ist natürlich auch für die Register richtig. Man muss während des Spiels nur im richtigen Augenblick den richtigen Registerschalter zu treffen, damit die Zuhörer nicht plötzlich erschreckt werden, weil versehentlich statt des vorgesehenen zarten Flötenregisters eine Posaune ertönt.


Solche "Missgeschicke" sind selten, und der erfahrene Organist findet auf seiner Orgel die richtigen Register sozusagen im Dunkeln. Ihm standen auch bisher schon Spielhilfen zur Verfügung, die sich an den jetzigen Möglichkeiten gemessen aber ausgesprochen bescheiden ausnahmen. So konnte er vor der Restaurierung an der Orgel in unserer Kirche drei freie Kombinationen benutzen, mit deren Hilfe er sich vor jedem Spiel drei Klangfarben durch Wahl der entsprechenden Register zusammenstellen konnte.


Seit etwa zehn Jahren konnten, zusätzlich zu den drei freien, 15 feste Kombinationen benutzt werden, die als "Standardregistrierungen" für Choralbegleitungen, als Solokombinationen für Hauptwerk, Brustwerk und Oberwerk der Orgel und zum "Ziehen" aller Register, dem Organo Pleno oder Tutti, eingerichtet waren. Die dafür nötige Elektronik war mit leicht bedienbaren Sensortasten ausgestattet, wie sie von Fernsehgeräten der 70er Jahre allgemein bekannt sind. Sie wurde von einem Orgelfreund in vielen Arbeitsstunden (Materialkosten 200 Mark) in die Orgel eingebaut.
Diese beschriebenen Spielhilfen gibt es nach der Orgelrestaurierung nicht mehr .Sie wurden durch moderne Setzerkombinationen abgelöst, mit denen 256 Registrierungen gespeichert werden können. Technische Voraussetzung für den Einbau der Setzerkombinationen war der Austausch der alten, langsamen und zunehmend störanfälligen Registermotoren gegen Registermagnete, die sich von der Setzerelektronik ansteuern lassen.
Die 256 Möglichkeiten zu registrieren sind in vier Bereiche unterteilt, von denen drei mit Schlüsselschaltern gesichert werden können. So kann beispielsweise der Kirchenmusiker den ersten Bereich nutzen, um sich Registrierungen für die Gottesdienste einzurichten in einer Weise, wie er sie häufig verwendet und wie er sie immer wieder verwenden möchte. Im zweiten Bereich kann er sein nächstes Konzert vorbereiten und alle Registrierungen speichern, die er für die einzelnen Stücke verwenden will. Einem Gastorganisten kann er für ein weiteres Konzert den dritten, abschließbaren Bereich überlassen, damit dieser schon in eigenen Proben seine Registrierungen festlegen kann. Der vierte Bereich ist offen für jeden Spieler, der die Orgel benutzen darf.


Wer die Orgel spielt, bekommt über ein Anzeigefeld unterhalb des Notenpultes mitgeteilt, welche Kombination er gerade benutzt, und an der Stellung der Registerschalter erkennt er, welche Register in der angezeigten Kombination erklingen. Um von einer Kombination, also einer Klangfarbe, zur nächsten zu gelangen, genügt der Druck auf eine der "Vorwärtstasten", die für Organist und Registrant gleich gut erreichbar an drei Stellen des Spieltisches angebracht sind, und deren Funktion zusätzlich auch mit den Füßen über Schalter in Pedalnähe ausgelöst werden kann. Analog zu den "Vorwärtstasten" gibt es andere Tasten, mit denen man schrittweise zu schon verwendeten Registrierungen zurückkommen kann.
Weil das Aufsuchen der einzelnen Registerschalter wahrend des Orgelspiels entfällt, bewahren die Setzerkombinationen den Organisten und auch seinen Registranten vor unnötiger Hektik am Orgelspieltisch. Dieser Vorteil ist besonders spürbar bei der Interpretation von Orgelwerken der Romantik, die wegen ihrer großen Dynamik fast immer mit einem hohen Registrieraufwand verbunden sind.
Die Setzerkombinationen schaffen die nötige Ruhe, die ein Musiker braucht, um sich ganz auf das gespielte Stück konzentrieren zu können.


Wolfgang Bratschke